Background
Der Ackerbau ist seit Jahrzehnten auf Reinsaaten fokussiert, was zu Ertragsstabilität führte, aber auch zur Verarmung der Biodiversität in Agrarlandschaften beitrug. Bisherige Ansätze zum Gemengeanbau beschränkten sich meist auf Futterleguminosen oder Körnerleguminosen mit Getreide. Hafer wird bislang ebenfalls in Reinsaaten angebaut, obwohl er gut an die Standortbedingungen in der LAND.VISION-Region angepasst ist. Die gezielte Integration von blühenden Beipflanzen in Haferbestände wurde bisher kaum wissenschaftlich untersucht und nicht praktisch umgesetzt.
Bedarf
Angesichts des dramatischen Rückgangs blütenbesuchender Insekten und der gesellschaftlichen Forderung nach ökologisch verträglicherem Ackerbau besteht hoher Handlungsdruck. Es fehlt ein Anbausystem, das Biodiversität auf Ackerflächen sichtbar fördert, ohne Ertrag oder Qualität des Hauptprodukts zu beeinträchtigen. Gleichzeitig sollen Landwirte für diese Gemeinwohlleistungen durch verbesserte Vermarktungsperspektiven wirtschaftlich profitieren. Es besteht ein Bedarf nach Innovationen, die ökologische Aufwertung mit marktwirtschaftlicher Tragfähigkeit verbinden.
Idee
Im Projekt wird ein neues Hafer-Anbausystem mit sichtbar blühenden, biodiversitätsfördernden Beipflanzen entwickelt – „Blühhafer“. Ziel ist es, ein optisch attraktives, artenreiches System zu schaffen, das gleichzeitig die Insektendichte erhöht und sich wirtschaftlich lohnt. Die Kombination aus innovativem Anbau, transparenter Kommunikation und neuer Vermarktungsstrategie soll ein nachhaltiges Wertschöpfungsmodell entstehen lassen. Hafer dient dabei als Pilotkultur für eine potenziell übertragbare Systeminnovation im Ackerbau.
Lösung
Zunächst werden in Kleinparzellen ca. 30 Beipflanzenarten auf ihre Eignung im Haferbestand getestet, wobei niedrige Saatdichten die Kulturführung nicht stören sollen. Erfolgversprechende Artenkombinationen werden anschließend in großflächigen (5 ha) Praxisversuchen weiter erprobt, inkl. Analysen zur Insektenabundanz und Wirtschaftlichkeit. Parallel wird eine faire, partnerübergreifende Vermarktungsstrategie aufgebaut, bei der dm Drogeriemarkt Blühhafer-Produkte anbietet. Damit sollen ökonomische Anreize und Gemeinwohlziele systemisch miteinander verknüpft werden.
Methodik
Die HTW Dresden legt Kleinparzellenversuche mit Beipflanzenarten an und erfasst deren Wirkung auf Ertrag, Qualität und Insektenbesatz. Es folgen großflächige Tests mit vielversprechenden Artenmischungen in Praxisbetrieben, inklusive Saatgutaufbereitung und wirtschaftlicher Bewertung. Parallel wird eine LAND.VISION-Betriebsgruppe „Blühhafer“ aufgebaut, um Wissenstransfer, Erfahrungsaustausch und regionale Verankerung zu fördern. Zudem entwickeln Rubin Mühle, Silotech und dm ein Vermarktungskonzept, ein Vertragsmodell sowie eine faire Wertschöpfungsverteilung.
Erwartete Ergebnisse
Das Projekt soll ein ökologisch und ökonomisch tragfähiges Blühhafer-System bereitstellen, das sich bei erfolgreichem Verlauf rasch in der LAND.VISION-Region verbreiten und auf andere Kulturen übertragen lässt. Angestrebt wird eine messbare Steigerung der Insektenvielfalt, eine landschaftsbildprägende Blühwirkung und eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz der Landwirtschaft. Der Mehrwert soll über eine neue Produktlinie bei dm für alle Partner wirtschaftlich nutzbar gemacht werden. Das Vorhaben hat Pilotcharakter für eine grundsätzliche Wende hin zu Polykulturen im Ackerbau.