Mit smarten Halsbändern in die Zukunft der Weidehaltung
Ein wegweisender Tag für Sachsens Grünland: Vergangene Woche fand auf dem Biohof zur Steinbrückmühle im Osterzgebirge das offizielle Kick-off-Treffen für das Innovationsprojekt „Grazing4Future“ statt.
Im Mittelpunkt des Vorhabens steht die Frage: Wie kann die moderne Technologie des virtuellen Zäunens, sogenanntes Virtual Fencing (VF), den Arbeitsalltag in der Landwirtschaft erleichtern, das Tierwohl sichern und zugleich den Naturschutz stärken?
Rinder und Schafe im Fokus: Regionale Besonderheiten berücksichtigen
In Deutschland und in zahlreichen weiteren Ländern der Europäischen Union und darüber hinaus laufen bereits vergleichbare Forschungsprojekte zum digitalen Weidemanagement. Warum nimmt „Grazing4Future“ dennoch eine echte Pionierrolle ein?
- Regionale Verankerung: Das Projekt ist auf die spezifischen Gegebenheiten der sächsischen Natur- und Kulturlandschaft zugeschnitten.
- Schafe als digitale Pioniere: Bisherige Untersuchungen konzentrieren sich überwiegend auf Rinder. „Grazing4Future“ bezieht ausdrücklich auch Schafe ein, die eine Schlüsselrolle in der Landschaftspflege spielen.
Zum Auftakt besichtigte das Projektteam zunächst die Schafherde des Biohofs zur Steinbrückmühle. Die Tiere werden vor allem zur Beweidung von Altgrasstreifen sowie des zweiten Aufwuchses nach der Heugewinnung eingesetzt. Anschließend ging es weiter zur Mutterkuhherde auf die Kurzrasenweide.
Wie funktioniert die Technik?
Im Rahmen des Treffens wurden zwei Systeme der Hersteller Monil und Nofence genauer unter die Lupe genommen, die eine ähnliche Funktionsweise aufweisen: smarte Halsbänder mit integrierter Batterie und Aufladung über Solarzellen. Die Technik verbindet eine digitale Steuerung mit verschiedenen Sicherheitsmechanismen:
- Flexible Steuerung: Virtuelle Zäune lassen sich per Smartphone-App direkt auf einer digitalen Karte ziehen und bei Bedarf schnell anpassen.
- Warnung durch ein Tonsignal: Nähert sich ein Tier der virtuellen Grenze, ertönt zunächst ein akustisches Signal, das mit geringer werdendem Abstand ansteigt.
- Kurzer elektrischer Impuls: Überschreitet das Tier die Grenze dennoch, folgt ein kurzer elektrischer Impuls. Nach maximal drei Kombinationen von Warnton und Impuls schaltet sich das System ab. Das Tier wird anschließend als „ausgebrochen“ gemeldet und kann per GPS geortet werden.
- Vernetzte Halsbänder: Die Halsbänder kommunizieren über Mobilfunk und vernetzen sich bei manchen Systemen untereinander per Bluetooth. So reicht es theoretisch schon, wenn nur ein einziges Tier in der Herde Empfang hat.
Von Bio-Milchvieh bis Landschaftspflege: Mehrwert für jeden Betrieb
Das System eröffnet vielseitige Möglichkeiten für ganz unterschiedliche Betriebsausrichtungen. Wer in der Landschaftspflege tätig ist, kann seine Tiere selbst auf weitläufigen oder schwer zugänglichen Flächen sicher führen, ohne dass dafür überall klassische Zäune errichtet werden müssen. Auch für andere Systeme wie die Bio-Milchviehhaltung bietet die Technik Vorteile: Arbeitsintensive Konzepte wie die Portionsweide lassen sich damit deutlich flexibler umsetzen. Das spart Arbeitszeit und ermöglicht zugleich eine gezieltere Nutzung des Grünlandes.
Es geht uns um die richtige Kombination: Eine spürbare Arbeitserleichterung für die Betriebe, verbunden mit einem messbaren Mehrwert für Tierwohl und Biodiversität.
– das Team von „Grazing4Future“
Nächste Schritte: Genehmigungen, Forschung und Dialog
Da die geplante Erprobung tierschutzrechtlich genehmigt werden muss, arbeitet das Projektteam derzeit an den erforderlichen Anträgen und Genehmigungen. Parallel laufen die Vorbereitungen für umfassende Untersuchungen vor Ort: Das Team wird unter anderem das Verhalten der Tiere, Stressparameter (Tierwohl) sowie die ökologischen Auswirkungen auf das Grünland wissenschaftlich begleiten.
Dialog auf Augenhöhe: „Grazing4Future“ ist kein Projekt im Elfenbeinturm. In den kommenden Monaten sind regionale Workshops geplant. Hier werden Landwirt:innen, Tierärzt:innen, Tierschutzverbände, Behörden und die breite Öffentlichkeit an einen Tisch geholt, um das Thema gemeinsam zu gestalten.
Das Team hinter „Grazing4Future“
Geleitet und begleitet wird das praxisnahe Forschungsprojekt von einem erfahrenen Team aus Wissenschaft und Landwirtschaft. Beim Vor-Ort-Termin auf dem Biohof zur Steinbrückmühle vertrat Christoph Hänel, Geschäftsführer Biohof Zur Steinbrückmühle Hänel, die sächsische Landwirtschaft. Seitens der Georg-August-Universität Göttingen (Abteilung Graslandwissenschaften) bringen sich Prof. Dr. Isselstein und Frau Dr. Riesch als Projektkoordinatoren, Herr Wendler, Ökologe, sowie Maria Zetsche als erfahrene Veterinärmedizinerin mit dem Schwerpunkt Tierwohl in das Vorhaben ein. Ein starkes Team für ein starkes Stück Zukunft auf Sachsens Grünland!
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