Unsere Landwirtschaft steht heute vor einer doppelten Herausforderung: Während der Klimawandel mit zunehmender Trockenheit die Ernten klassischer Kulturen wie Weizen bedroht, macht der globale Preiskampf vielen Betrieben das wirtschaftliche Überleben schwer. Eine mögliche Lösung für dieses Problem wächst auf sächsischen Feldern und ist eine traditionsreiche Pflanze mit modernem Potenzial: der Faserhanf.
Er ist extrem robust, kommt völlig ohne chemischen Pflanzenschutz aus und trotzt widrigen Wetterbedingungen. Doch der entscheidende Clou liegt nicht in der Pflanze selbst, sondern in ihrer praktischen Anwendung. Was mit der durch das Innovationsbündnis LAND.VISION geförderten Machbarkeitsstudie „AgroEcoFiber“ (AgrarEcologyFiber | Nachhaltige Agrar-Faser) begann, fand seine erfolgreiche Fortführung im Umsetzungsprojekt „HEAF“ (HighEndAgroFiber). Durch eine neuartige Vernetzung von regionalen Landwirten und moderner Industrie werden aus dem robusten Hanf hochwertige Rohstoffe für langlebige Alltagsprodukte – von nachhaltiger Kleidung bis hin zu leichten Sportgeräten. Dass dieser ganzheitliche Ansatz zukunftsweisend ist, bestätigte nun auch die Jury des WISO-Preises 2025, die das Projekt „HEAF“ für seinen besonderen Beitrag zum Umweltschutz auszeichnete.
Das Projekt zeigt, wie ökologische Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gehen können. Wir haben mit Torsten Brückner, Vorstandsvorsitzender SACHSEN!TEXTIL e.V., über die Ergebnisse von „AgroEcoFiber“, den Erfolg von „HEAF“ und Zukunftsoptionen für die sächsische Landwirtschaft gesprochen.
Eine besondere Auszeichnung: Der WISO-Preis
Bevor wir in das Gespräch einsteigen, ein kurzer Blick auf die jüngste Auszeichnung: Der WISO-Preis „Verein des Jahres – Umweltschutz“ ist eine hochkarätige Anerkennung für gemeinnützige Organisationen in Deutschland. Prämiert werden Projekte, die sich durch herausragendes Engagement im Bereich Umweltschutz und Nachhaltigkeit auszeichnen. Dass das aus der Studie „AgroEcoFiber“ hervorgegangene Projekt „HEAF“ diesen Preis 2025 gewinnen konnte, unterstreicht die Relevanz dieser Arbeit für die grüne Transformation unserer Wirtschaft.

Das Interview: Torsten Brückner im Gespräch
Frage: Herr Brückner, das Fundament für den heutigen Erfolg wurde im Projekt „AgroEcoFiber“ gelegt, das voll auf Faserhanf setzte. Was macht diese Pflanze aus umweltschutztechnischer Sicht so wertvoll?
Torsten Brückner: Der große Vorteil der Hanfpflanze liegt in ihrer enormen Widerstandsfähigkeit. Aus der Praxis ist nichts bekannt, dass Hanf massiv gegen Viren, Bakterien oder Schädlinge geschützt werden muss. Ein weiterer Pluspunkt ist die extrem schnelle Jugendentwicklung der Pflanze. Sie überwächst Konkurrenzpflanzen auf dem Acker so schnell, dass der Unkrautdruck auf natürliche Weise reguliert wird. Das macht Faserhanf zum Beispiel auch zu einer idealen Kultur für Betriebe, die auf ökologischen Landbau umstellen wollen – vorausgesetzt, die regionalen Abnahmestrukturen für das Faserstroh sind vorhanden.
Frage: Das darauf aufbauende Projekt „HEAF“ hat nun den WISO-Preis gewonnen. Glauben Sie, dass die Jury neben der Pflanze auch das Geschäftsmodell gewürdigt hat, das Landwirtschaft und Industrie vernetzt?
Torsten Brückner: Absolut. Wir hatten in den Gesprächen das deutliche Gefühl, dass unser Fokus auf der Synergie von Umweltschutz und wirtschaftlicher Tragfähigkeit ausschlaggebend war. Viele Nachhaltigkeitsthemen werden heute oft auf den Energieaspekt reduziert. Wir zeigen einen Weg auf, der darüber hinausgeht: Es geht um hochwertige, nachhaltige Rohstoffe. Dabei müssen die Ökonomie und die Produkteigenschaften sogar noch vor dem „Bio-Siegel“ stehen, um am Markt zu bestehen. Solche komplexen Wertschöpfungsketten lassen sich nur durch kooperative, partizipative Geschäftsmodelle realisieren.
Frage: Mit „AgroEcoFiber“ wurde eine solide Basis geschaffen, die nun im preisgekrönten Projekt „HEAF“ Früchte trägt. Wie geht es jetzt konkret weiter? Ist das Modell auch auf andere Regionen übertragbar?
Torsten Brückner: Wir sind sehr glücklich, auf Basis der Ergebnisse von AgroEcoFiber mit HEAF den entscheidenden Schritt in die Umsetzung gegangen zu sein. Wir haben gelernt, wie entscheidend die Qualitätssicherung entlang der gesamten Kette ist – von der Flächenauswahl bis zur Erntetechnik. Ab dem 1. Januar sind wir nun in der Umsetzung des Folgevorhaben „hempdata“. Mit digitalen Tools wollen wir den Anbau dokumentieren und gezielt beeinflussen, um Inhomogenitäten in der Faser zu vermeiden. Das ist die Voraussetzung für Hochleistungsanwendungen in der Industrie. Unser Ziel ist ein Modell, das zeigt, wie Qualität definiert und erreicht werden kann – ein Ansatz, der prinzipiell auch auf andere Regionen übertragbar ist.
Frage: Ein solch komplexes Projekt braucht Unterstützung. Welche Rolle spielte die Förderung für den Erfolg von „AgroEcoFiber“ und „HEAF“?
Torsten Brückner: Ohne finanzielle und ideelle Unterstützung wäre es unmöglich, solche branchenübergreifenden Strukturen aufzubauen. In Ländern, in denen Naturfaser-Ketten seit Jahrzehnten funktionieren, kann man auf Bestehendes aufbauen. Wir in Deutschland müssen technologische Lücken schließen und erst einmal Vertrauen zwischen den Akteuren schaffen. Das geht nicht allein aus unternehmerischen Gewinnen heraus. Die kontinuierliche Begleitung durch Förderer ist daher ein essenzieller Baustein – auch für die kommenden Jahre.
Frage: Zum Abschluss: Was ist Ihre Botschaft an die Konsumenten und die Landwirte?
Torsten Brückner: Die junge Generation der Konsumenten macht sich ohnehin bereits viele Gedanken über ihr Kaufverhalten. Den Landwirten möchte ich sagen: Es geht nicht nur um eine Erweiterung der Fruchtfolge. Der Aufbau von Produktionsketten für industrielle Rohstoffe wie Faserhanf ist eine echte Chance, aus dem Dilemma der Abhängigkeit von globalen Märkten für Weizen oder Gerste und staatlichen Subventionen auszubrechen. Es ist ein Weg hin zu mehr unternehmerischer Unabhängigkeit durch spezialisierte, hochwertige Produkte.
LAND.VISION: Wir gestalten den Wandel gemeinsam
Wir als LAND.VISION begreifen uns als Motor für genau diesen Wandel und schaffen die Plattform, auf der Akteure aus Forschung, Landwirtschaft und Industrie zusammenfinden. Das Bündnismanagement, getragen durch die Zusammenarbeit des Zentrums für angewandte Forschung und Technologie e. V. (ZAFT) an der HTW Dresden und den Betriebshilfe- und Maschinenringen Sachsen, bildet das Rückgrat für solche Innovationsschritte. Im Rahmen des Förderprogramms „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“ (gefördert vom BMBF) haben wir diese Vorhaben intensiv begleitet. Dabei ging es uns um mehr als reine Projektverwaltung – unser Fokus lag auf dem Knüpfen stabiler Netzwerke und dem gezielten Transfer von Know-how.
Der Weg von der ersten, durch uns geförderten Machbarkeitsstudie „AgroEcoFiber“ bis zum preisgekrönten Umsetzungsprojekt „HEAF“ ist für uns ein Paradebeispiel dafür, wie unsere Arbeit als Innovationsbündnis Früchte trägt. Dass dieses partizipative Modell nun mit dem WISO-Preis 2025 gewürdigt wurde, macht uns stolz und bestätigt uns in unserer Mission: Wir bringen die Landwirtschaft von morgen heute schon auf den Acker.
Für mehr Informationen zur Machbarkeitsstudie „AgroEcoFiber“ klicken Sie auf das verlinkte Projekt unten auf der Seite.
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LAND.VISION (Faser)Hanf Statt Hilfsmittel Wie Wichtig Eine Vergessene Pflanze Für Die Landwirtschaft Werden Kann
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